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Der erste Schock - das Organscreening und der Herzfehler

Aktualisiert: 28. Juli 2023

Es war ein Freitag, genauer der 3. Juni 2022, ein kühler Sommertag und unser Jahrestag. An diesem Tag waren wir genau 4 Jahre ein Paar. Scheinbar der perfekte Tag für unser geplantes Organscreening. Unser kleiner Schatz machte noch immer ein Geheimnis um sein Geschlecht. Blauäugig und naiv dachten wir, das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, dass sich unser Bauchzwerg wieder so verstecken könnte und wir wieder nicht erfahren werden, ob wir einen Jungen oder ein Mädchen bekommen. Immerhin war ich schon in der 22. Schwangerschaftswoche und hatte auch schon einen ordentlichen Babybauch. Ich legte mich auf die Untersuchungsliege in einer, naja nicht allzu modern eingerichteten Ordination. Die behandelnde Ärztin war sehr nett, sie klärte uns noch auf und legte gleich los mit dem Ultraschall. Sie schallte und schallte, gefühlt eine Ewigkeit. „Sie bekommen ein Mädchen“ verkündete uns die Ärztin uns und untersuchte weiter. Natürlich freute ich mich, ich spürte es schon von Anfang an. Trotzdem war es unangenehm, dass sie kein Wort mit uns sprach, ich dachte mir, dass sie sich konzentrieren muss, deshalb blieb ich ruhig und fragte lieber nicht, ob alles so aussah wie es aussehen sollte. Sie sah sich das Herz lange an, wobei ich ja auch nicht wusste wie lange man dafür normalerweise brauchen würde.


Ich hatte schon ein komisches Gefühl und wollte nur hören das alles seine Richtigkeit hat und wir ein gesundes Mädchen bekommen. Aber diese Nachricht bekam ich nicht. Als die Ärztin endlich den Schallkopf weglegte, sah sie uns an und sagt: „Ihr Kind hat einen Herzfehler.“ Diese Worte schmerzten, ich wusste nicht das Worte so weh tun können. Ich verstand klar und deutlich was uns gerade gesagt wurde, diese Worte hallen nach, diese Worte werden noch Monate später in meinem Kopf nachhallen. Sie versuchte uns zu erklären, wie es weitergeht, der nächste Schritt wäre eine Fruchtwasserpunktion, da aber Freitag war und Montag ein Feiertag, soll diese erst am Dienstag durchgeführt werden. Die Fruchtwasserpunktion soll nötig sein, da die Pränataldiagnstikerin vermutete das die Aorta und die Pulmonalarterie vertauscht sind und dieser Herzfehler auf einen bestimmten Gendefekt hinweist, nämlich das DiGeorge Syndrom.

Als wir die Ordination verließen, brach ich in Tränen aus. Ich verstand das alles nicht, wie können zwei gesunde Menschen ein herzkrankes Kind bekommen? Ich fühlte, wie sich ein großes Loch unter mir auftat und ich einfach nur fiel, ich fiel und konnte mich nirgends festhalten. Ich suchte nach meinem Handy und rief meine Vorgesetzte an und versuchte ihr schluchzend zu erklären was gerade passiert ist. Noch vor dem Termin haben wir noch gescherzt, wie unsere Maus wohl im Bauch liegen wird und ob sie uns dieses Mal das Geschlecht verraten wird, doch das war jetzt alles nebensächlich. Nie habe ich mit so einer Botschaft gerechnet, wie auch? Es ist doch normal ein gesundes Kind zu bekommen! Warum wir? Warum unser Kind? Wird unser Kind, das alles überleben? So viele Fragen aber keine Antworten, und auch keine Antworten in Aussicht. Das war der schlimmste Jahrestag, nein der schlimmste Tag in meinen ganzen Leben, aber nur bis zu diesem Tag, denn das alles noch schlimmer werden konnte, konnte niemand erahnen.


Die Autofahrt nach Hause war still, keiner von uns konnte sprechen. Die Landschaft zog an uns vorbei, die Welt drehte sich weiter, aber für uns stand die Welt still. Für das verlängerte Wochenende hatten wir schon vor längerer Zeit einen Kurzurlaub gebucht, einen Baby Moon. Wir standen vor der Entscheidung die Reise zu stornieren oder in den Urlaub zu fahren. Zuhause beschlossen wir unseren Baby Moon wahrzunehmen, es würde uns wahnsinnig machen 3 Tage zuhause zu sitzen und zu trauern! Ablenkung, das war genau das, was wir jetzt brauchten. Also packten wir unsere Sachen und machten uns auf den Weg, unser Hotel befand sich in Slowenien an einem See. Die Fahrt, ein Wechselbad der Gefühle, wir redeten sehr viel, weinten sehr viel und schwiegen uns an. Es war befreiend aus der Gegend zu flüchten, aus dem Alltag zu flüchten, und von der Ärztin zu flüchten die uns die Diagnose gestellt hatte.

Unser Trip war sehr entspannend, es tat gut Abstand zu nehmen, ja wir flüchteten vor der Realität, die sich für uns wie ein Albtraum anfühlte. Die Heimreise war sehr schrecklich, die Realität holte uns ganz schnell wieder ein. WIR bekommen ein krankes Kind. Einen Tag später soll die Fruchtwasserpunktion stattfinden, vor der ich auch schon sehr viel Respekt hatte. Wer mag schon Nadeln? Und wer mag schon Nadeln die in seinen eigenen Bauch, in dem sein Kind so gut aufgehoben ist, gestochen werden. Ich versuchte mir immer vor Augen zu halten das es unserer kleinen Prinzessin gut geht, solange sie in meinem Bauch war. Aber wir wussten alle nicht, was passierte, sobald sie nicht mehr in meinem Bauch sein wird.

Es war uns wichtig, das wir uns vor der anstehenden Punktion auf einen Namen einigten, sie soll einen Namen haben und nicht das Baby mit dem Herzfehler sein. Da ich schon einige Namen aufgeschrieben hatte konnten wir uns schnell einigen. Elina, die Strahlende.


Dienstag, der 7. Juni. Der Tag der Fruchtwasserpunktion. Marco fuhr normal in die Arbeit und wir trafen uns dann beim Krankenhaus. Sobald ich das Krankenhaus betrat, fing ich an zu weinen, ich konnte nichts erkennen und sah alles verschwommen. Gut, ich kannte den Weg, ich kenne dieses Krankenhaus, ich kenne die Abteilung, den dort durfte ich schonmal ein Praktikum machen. Ich wusste genau was mich erwartet. Bei der Anmeldung musste ich die Aufklärung für die Punktion unterschreiben, ich sah nur irgendeine Linie und unterschrieb darauf, ich musste mich echt konzentrieren, um nicht in einen Heulkrampf zu enden. Marco und mir wurde Blut abgenommen und dann ging alles sehr schnell. Ich wurde in den Behandlungsraum gerufen, Marco durfte mich nicht begleiten und musste vor der Türe warten, dann legte ich mich auf die Untersuchungsliege. Die Ärztin und die Krankenschwester waren sehr empathisch und wirklich nett. Ich versuchte ruhig zu liegen, ruhig zu atmen und meine anbahnende Panikattacke zu unterdrücken. Die Krankenschwester kümmerte sich gut um mich und sprach mir gut zu und die Ärztin war wirklich schnell beim Punktieren, dann durfte Marco zu mir. Endlich konnte er mich wieder in den Arm nehmen. Es wurde noch kurz ein Ultraschall gemacht, um zu sehen, ob es der Kleinen gut geht und der Herzfehler wurde nochmal kurz begutachtet, danach durften wir im Wartebereich Platz nehmen. Ich musste noch eine Stunde warten falls es zu irgendwelchen Komplikationen kommen sollte, aber das tat es nicht. Ich bekam einen Kontrolltermin und einen Termin bei den Kinderkardiologen in zwei Wochen.

Wieder zuhause angekommen habe ich gleich einen Termin bei meiner Hausärztin vereinbart, sie schrieb mich krank bis zu meinem Termin bei meiner Gynäklogin, die mir dann den vorzeitigen Mutterschutz genehmigen wird.

Am nächsten Tag war ich allein zuhause, dass gefiel mir gar nicht darum besuchte ich eine Freundin. Es soll schon der Anruf kommen, mit dem Ergebnis der Fruchtwasserpunktion. Ich war schon sehr nervös. Um 14:00 läutete mein Handy, die Nummer von Krankenhaus. Die Ärztin vom Organscreening. Aber dieses Mal mit einer guten Nachricht. Unser Baby hatte keine Chromosomenstörung.

 

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